Buchempfehlung
Bruder
Ted van Lieshout
Ein Tag mit Herrn Jules
Diane Broeckhoven
Mit Trauer leben
Harriet Kämper/Birgit Pfahl
Vielleicht ist es sogar schön
Jakob Hein
Das Leben entzwei
Brigitte Giraud
Miranda
Margret Forster
Alle sterben auch die Löffelstöre
Kathrin Aehnlich
Goodbye Lemon
Adam Davies
Auf einmal war er nicht mehr da.
Ein Vater, ein Sohn, eine Spurensuche
Philip Reichardt
Bruder
Ted van Lieshout
Beltz-Verlag 2004
5,90 Euro
Ist man noch Bruder, wenn der Bruder stirbt ?
Wenn Marius noch lebte, würde er morgen fünfzehn
Jahre alt. Sein älterer Bruder Luuk verbringt den
ganzen Abend in Marius Zimmer, um ihm auf diese
Weise
so nahe wie möglich zu sein und stellt dabei erschrocken
fest, dass er sich bereits ein halbes Jahr nach Marius
Tod nicht mehr genau an sein Gesicht erinnern kann.
Nur tote Gegenstände und Bilder rufen ihm den kleinen
Bruder ins Gedächtnis - und genau die will Mam
nun verbrennen, um auf ihre Weise Abschied von ihrem
Sohn zu nehmen. Für Luuk scheint dies unerträglich,
und er beschließt wenigstens das Tagebuch vor
den Flammen zu retten.
Indem er die noch freien Seiten mit seinen eigenen Gedanken
füllt, macht er das Buch zu seinem eigenen, schreibt
schließlich zwischen die von Marius geschriebenen
Zeilen, so dass ein Dialog entsteht, ein Gespräch,
das Luuk zu Lebzeiten des Bruders stets vermeiden wollte.
Ein Gespräch über Homosexualität, die
sich Luuk nie eingestehen wollte, während Marius
bereits seine erste große Liebe erlebte.
Unglaublich einfühlsam gestaltet Ted van Lieshout
dieses Kennenlernen nach dem Tod, frei von Kitsch und
Sentimentalität. Die Angst, sich zum "Anderssein"
zu bekennen, wird genauso behutsam thematisiert wie
die Angst vorm Sterben. Und Angst hat Luuk, besonders
als erfährt, das Marius einer Erbkrankheit zum
Opfer fiel.
nach oben
Ein Tag mit Herrn Jules
Diane Broeckhoven
Rowohlt TB
6,90 Euro
Für Alice ist es ein liebgewonnenes Ritual, das
morgendliche Erwachen hinauszuzögern, dahinzutreiben
wie in einer "Gebärmutter" und auf den
verführerischen Duft frisch aufgebrühten Kaffees
zu warten. Jules, ihr Ehemann ist immer vor ihr wach.
Im Laufe ihrer Ehe hat es sich eingespielt, dass er
das Frühstück vorbereitet. So auch an diesem
winterlichen Morgen. Es hat geschneit und die Nachbarin
Bea ist schon wieder "am Ackern", indem sie
den Schnee vom Bürgersteig fegt.Ein eheliches Idyll,
mit welchem die niederländische Autorin Diane Broeckhoven
ihren kleinen, aber nicht weniger eindrucksvollen Roman
"Ein Tag mit Herrn Jules" beginnen lässt.
Als Alice, in ihren Morgenmantel gehüllt, das Wohnzimmer
betritt, sitzt Jules gegen alle Gewohnheit auf der Couch
und starrt aus dem Fenster. Sie spricht mit ihm, doch
er antwortet nicht. Sie setzt sich neben ihn und berührt
sein Knie, doch Jules reagiert nicht. Erst allmählich,
dann wie ein Blitz ereilt Alice der Gedanke, dass ihr
Mann tot ist.Doch sie gerät nicht in Panik, sondern
versucht diese Erkenntnis zu realisieren. Wie in Trance
fasst sie den Entschluss, dass keiner von Jules Tod
erfahren darf, noch nicht. Sie möchte sich in Ruhe
von ihrem Mann verabschieden.So verbringt Alice den
Tag letzten gemeinsamen Tag mit ihm, nur unterbrochen
vom Besuch Davids, einem autistischen Jungen aus der
Nachbarschaft, der wie immer an diesem Wochentag, mit
Herrn Jules eine Partie Schach spielen wollte.Fern allen
Pathos erzählt Diane Broeckhoven vom Ende einer
Jahrzehnte währenden Symbiose zweier Menschen.
Voller Zärtlichkeit und Empathie lässt sie
Alice ihr Leben mit Jules Revue passieren. Ein Leben,
welches natürlich von Höhen und Tiefen durchzogen
war, doch immer voller Liebe. Einer Liebe, die so stark
war, dass noch nicht einmal ein Seitensprung Jules die
Ehe zerstören konnte.Es ist bewegend, diesem langsamen
Abschied als Leser beizuwohnen. Nach knapp neunzig Seiten
legt man das Buch zwar zur Seite, doch das Erzählte
schwingt noch lange in der Erinnerung nach.
Torsten Seewitz
nach oben
Mit Trauer leben
Harriet Kämper/Birgit Pfahl
Verlag Ellert&Richter
14,95 Euro
Die Autorinnen, die in Düsseldorf leben, legen ein Buch vor, das „Hilfen für verwaiste
Eltern und Geschwister“ anbietet. In den ersten Kapiteln werden viele Aspekte der Trauer
beleuchtet. Das alltägliche Leben erfährt einen dramatischen Einschnitt, und oft führt
intensive Trauer in die Isolation. Eindringlich wird geschildert, wie wichtig Rituale des
Erinnerns sind und wie sehr es hilft, über den Verlust zu sprechen. Im zweiten Teil sprechen
die Eltern selbst darüber, wie sie dem Tod begegnet sind. Der Ton ist ungekünstelt und damit
sehr authentisch. Alle diese Menschen gehen durch langwierige, mühsame Prozesse, für die jeder
seine jeweils eigene Zeit braucht.
nach oben
Vielleicht ist es sogar schön
Jakob Hein
Serie Piper
8,00 Euro
Jakob Hein erzählt in diesem Buch vom Krebstod seiner Mutter Christiane.
Ihr Tod steht am Anfang der Geschichte und Jakob Hein blickt in verschiedenen Episoden zurück.
Auf seine Kindheit und Jugend im Künstlerhaushalt. Auf die Zeit des Erwachsenwerdens und die
Ablösung von Zuhause ohne den guten Kontakt zu seinen Eltern zu verlieren. Und natürlich auf
die Zeit der Krankheit und das Sterben seiner Mutter. Er tut dies ohne Sentimentalität aber
mit sehr viel Liebe, ohne Ostalgie aber mit Humor.
nach oben
Das Leben entzwei
Brigitte Giraud
Fischer Taschenbuch
6,90 Euro
Eine Frau Anfang vierzig verliert ihren Mann durch einen Motorradunfall.
Völlig schuldlos und unerklärlich verunglückt er in Lyon auf dem Weg zur Arbeit.
Brigitte Giraud schildert in ihrem kurzen und sehr präzise erzählten Buch die ersten
Tage nach dem Tod ihres Mannes bis zum Ende der Trauerfeier. Ihr gelingt es, ohne viele
Worte die absolute Fassungslosigkeit zu beschreiben, das Nicht-wahrhaben-wollen, die
Verzweiflung und Trauer der ersten Tage. Aber auch Hoffnung ist da. In der Anwesenheit
der Freunde und der Familie, die sie bestärken, die letzten gemeinsamen Pläne in die Tat umzusetzen.
nach oben
Miranda
Margret Forster
Arche Verlag
19,90 Euro
Eine Familie verliert durch einen Segelunfall die 18jährige Tochter Miranda.
Nach dieser Erschütterung geht jeder in der Familie einen anderen Weg der Trauer.
Während der Vater seine gesamte Energie in die hoffnungslose Suche nach dem Schuldigen steckt,
zieht der jüngere Sohn zu seiner Tante, die Zwillingsschwester flüchtet in ein Projekt nach
Afrika und die Mutter zieht nach 22 Ehejahren in eine eigene Wohnung.
Es scheint, als hätte der Tod der Tochter die Familie komplett zerstört.
Margret Forster erzählt gekonnt aus der Sicht der Mutter, die lange für sich in Anspruch nimmt,
die einzige zu sein, die „richtig“ trauert. Aber es gibt kein „richtig“ oder „falsch“
in der Trauer…
nach oben
Alle sterben auch die Löffelstöre
Kathrin Aehnlich
Serie Piper
8,95 Euro
Skarlet und Paul kennen sich schon ewig. Seit Kindertagen wurden sie „die Zwillinge“ genannt,
wurden zusammen groß, erwachsen, rebellierten gegen die Eltern, den Staat, bis die Mauer fällt
und es ernst wird mit den Plänen für das Leben. Jetzt ist Skarlet über vierzig und Paul ist tot.
Gestorben an Krebs und sie soll die Beerdigung organisieren und die Grabrede halten.
Ein sehr beeindruckendes Buch! Mit seiner scheinbaren Leichtigkeit zieht es einen in seinen Bann
und offenbart schnell viel mehr als man erwartet: Poesie und Klugheit, Witz und Melancholie.
nach oben
Goodbye Lemon
Adam Davies
Diogenes Verlag
18,90 Euro
Die Tragödie von Dexter, der mit sechs Jahren in einem See ertrinkt, bestimmt das Schicksal
der Familie Tennant. Nach seinem Tod wird nie mehr über Dexter geredet.
So bleibt jeder allein mit seinen Erinnerungen hinter einer Mauer aus Schweigen.
Die Frage nach der Schuld an Dexters Tod ist für Jack, den jüngeren Bruder eindeutig:
Der Vater, der Alkoholiker, kam zu spät, um Dexter zu retten. Jetzt sitzt sein Vater nach einem
Schlaganfall stumm im Rollstuhl und Jack ist nach Hause zurückgekehrt. Um seinem Vater zu helfen?
Um seinen älteren Bruder aus dem Alkoholsumpf zu ziehen? Um Rache zu nehmen?
Um seine Mutter zu provozieren? Alles kommt ganz anders und Jack muss seine Erinnerungen
neu erfinden…
nach oben
Auf einmal war er nicht mehr da. Ein Vater, ein Sohn, eine Spurensuche
Philip Reichardt
Luchterhand Verlag
19,95 Euro
Die Eltern sterben. Jeder muss das irgendwann einmal erleben, und es ist einer der markantesten
Einschnitte für das eigene Leben. Der Journalist Philip Reichardt erzählt am Beispiel seines
Vaters, wie sich das Leben und die Beziehung zu einem Elternteil verändern, wenn es nicht
mehr da ist. Das Gefühl, vieles nicht besprochen, nicht ausdiskutiert zu haben, bringt ihn dazu,
dem Leben seines Vaters nachzuforschen. So lernt er den Vater nach dessen Tod ein zweites Mal
kennen und versucht herauszufinden, auf welche Weise diese neue Bekanntschaft Einfluss nimmt auf
sein Leben.
nach oben